Neuraltherapie: Therapeutische Lokalanästhesie gegen Schmerzen
Die Neuraltherapie ist ein Verfahren, bei dem örtliche Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) gezielt zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Im Mittelpunkt steht die gezielte Injektion eines Lokalanästhetikums in schmerzhafte oder funktionell auffällige Geweberegionen, an Nerven, Narben, Muskeln, Gelenke oder andere anatomisch definierte Strukturen. Die Behandlung verbindet damit die pharmakologisch gut nachvollziehbare Wirkung einer Lokalanästhesie mit einem therapeutischen Konzept, das davon ausgeht, dass bestimmte chronische Schmerz- und Funktionsstörungen durch anhaltende Reizzustände des peripheren und autonomen Nervensystems beeinflusst werden können.

Was bedeutet Neuraltherapie?
Unter Neuraltherapie versteht man die therapeutische Anwendung von Lokalanästhetika außerhalb einer reinen Operations- oder Anästhesieindikation. Ziel ist es, einen schmerzhaften oder übererregten Nerven- beziehungsweise Gewebebereich vorübergehend zu blockieren und dadurch Schmerzen und andere Beschwerden zu reduzieren. Das Lokalanästhetikum unterbricht dabei vorübergehend die Weiterleitung elektrischer Signale in den behandelten Nervenfasern. Dadurch können Schmerzimpulse abgeschwächt oder unterbrochen werden. Zusätzlich können sich reflektorische Muskelverspannungen lösen und schmerzbedingte Fehlregulationen des autonomen Nervensystems beeinflusst werden. Die Neuraltherapie nach Ferdinand und Walter Huneke geht über dieses unmittelbar pharmakologische Wirkprinzip hinaus. In der klassischen Neuraltherapie wird angenommen, dass bestimmte chronische Beschwerden durch sogenannte Störfelder oder Störfelderkrankungen unterhalten werden können. Als mögliche Störfelder werden beispielsweise Narben, chronisch entzündete Regionen oder bestimmte Schleimhaut- und Zahn-Kiefer-Bereiche beschrieben. Diese weitergehenden Erklärungsmodelle sind wissenschaftlich nicht in gleicher Weise abgesichert wie die unmittelbare Wirkung eines Lokalanästhetikums auf Nerven und Gewebe. Deshalb sollte die Neuraltherapie differenziert betrachtet werden: Die lokale Anwendung von Lokalanästhetika besitzt ein etabliertes pharmakologisches Wirkprinzip, während für die umfassende Störfeldtheorie und einige der ihr zugeschriebenen Fernwirkungen die wissenschaftliche Evidenz begrenzt ist.
Wie wirkt die therapeutische Lokalanästhesie?
Lokalanästhetika blockieren spannungsabhängige Natriumkanäle in Nervenzellen. Dadurch wird die Entstehung und Weiterleitung von Aktionspotenzialen vorübergehend gehemmt. Bei einer gezielten Injektion kann dies mehrere therapeutische Effekte haben. Schmerzen können unmittelbar reduziert werden, schmerzhafte Muskelverspannungen können sich lösen und die Übererregbarkeit eines schmerzverarbeitenden Nervengebietes kann vorübergehend vermindert werden. Bei chronischen Schmerzen kann außerdem eine diagnostische Information gewonnen werden: Wenn eine gezielte Infiltration einer anatomisch plausiblen Schmerzstruktur zu einer deutlichen, reproduzierbaren und zeitlich passenden Beschwerdelinderung führt, kann dies einen Hinweis darauf geben, dass diese Struktur an der Schmerzgenese beteiligt ist. Die Injektion kann deshalb gleichzeitig diagnostischen und therapeutischen Charakter besitzen.
Welche Strukturen können behandelt werden?
Je nach Beschwerdebild kann eine Neuraltherapie beziehungsweise therapeutische Lokalanästhesie beispielsweise an schmerzhaften Muskel- und Faszienstrukturen, peripheren Nerven, Nervenästen, Gelenkregionen, Narben oder bestimmten Triggerpunkten eingesetzt werden. Auch segmentale Behandlungsverfahren sind möglich. Hierbei wird eine schmerzhafte Körperregion unter Berücksichtigung ihrer nervalen Versorgung und segmentalen Verschaltung behandelt. Bei ausgewählten Beschwerden können darüber hinaus periphere Nerven gezielt infiltriert werden. Die genaue Vorgehensweise richtet sich nach der anatomischen Lokalisation, der vermuteten Schmerzursache und dem individuellen Beschwerdebild.

Neuraltherapie und chronische Schmerzen
Bei chronischen Schmerzen kann sich im Nervensystem eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit entwickeln. Dieser Vorgang wird unter anderem als periphere und zentrale Sensibilisierung bezeichnet. Ein ursprünglich lokaler Schmerzreiz kann dadurch langfristig zu einer komplexeren Veränderung der Schmerzverarbeitung führen. Eine gezielte Lokalanästhesie kann in solchen Situationen dazu beitragen, periphere Schmerzsignale vorübergehend zu reduzieren. Sie ist dabei in der Regel nicht als alleinige Behandlung einer chronischen Schmerzerkrankung zu verstehen. Vielmehr kann sie Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzeptes sein, das abhängig von der Ursache beispielsweise Bewegungstherapie, Physiotherapie, medikamentöse Behandlung, Behandlung von Muskel- und Gelenkfunktionsstörungen oder weitere schmerztherapeutische Verfahren umfasst.
Das sogenannte Sekundenphänomen
Ein besonderer Begriff der Neuraltherapie nach Huneke ist das sogenannte „Sekundenphänomen“. Darunter wird eine sehr rasch eintretende und deutliche Beschwerdebesserung nach Injektion eines Lokalanästhetikums in ein vermutetes Störfeld verstanden. Dieses Phänomen besitzt innerhalb der klassischen Neuraltherapie eine besondere diagnostische Bedeutung. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte es jedoch nicht mit einem gesicherten Nachweis einer eigenständigen Störfeldpathophysiologie gleichgesetzt werden. Eine unmittelbar eintretende Schmerzreduktion kann vielmehr verschiedene Ursachen haben, darunter die lokale Blockierung schmerzafferenter Nervenfasern, eine Veränderung der Muskelaktivität und eine Beeinflussung der peripheren nozizeptiven Signalverarbeitung.
Ultraschallgestützte Neuraltherapie
Bei bestimmten Injektionen kann die Behandlung unter Ultraschallkontrolle durchgeführt werden. Dadurch lassen sich die zu behandelnden anatomischen Strukturen unmittelbar darstellen und die Injektionsnadel während der Punktion verfolgen. Dies ermöglicht insbesondere bei der Behandlung anatomisch anspruchsvoller Regionen eine präzisere Platzierung des Lokalanästhetikums. Gleichzeitig können wichtige benachbarte Strukturen wie Gefäße, Nerven oder Organe berücksichtigt werden. Die Entscheidung für eine ultraschallgestützte Injektion hängt von der jeweiligen anatomischen Situation und dem geplanten Eingriff ab.
Welche Beschwerden können behandelt werden?
Eine therapeutische Lokalanästhesie kann bei verschiedenen akuten und chronischen Schmerzsyndromen eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise bestimmte muskuläre Schmerzsyndrome, Triggerpunkte, periphere Nervenschmerzen, ausgewählte Gelenkschmerzen, Narbenschmerzen und bestimmte regionale Schmerzsyndrome. Auch bei bestimmten Formen von Kopf-, Gesichts-, Rücken- oder Bauchwandschmerzen können gezielte Lokalanästhesien Bestandteil eines individuellen Behandlungskonzeptes sein. Entscheidend ist jedoch, dass vor einer Behandlung zunächst geklärt wird, welche Ursache den Beschwerden zugrunde liegt. Eine Neuraltherapie ersetzt deshalb nicht die notwendige ärztliche Diagnostik.
Welche Medikamente werden verwendet?
Für die Neuraltherapie werden vor allem kurz oder länger wirksame Lokalanästhetika verwendet. Häufig kommen beispielsweise Procain oder andere geeignete Lokalanästhetika zum Einsatz. Welcher Wirkstoff verwendet wird, hängt unter anderem von der geplanten Injektion, der anatomischen Region, der gewünschten Wirkdauer, möglichen Vorerkrankungen und individuellen Risikofaktoren ab. Die Auswahl und Dosierung des Lokalanästhetikums erfolgt individuell.
Ist die Behandlung schmerzhaft?
Die Injektion selbst kann einen kurzen Stich oder ein vorübergehendes Brennen verursachen. Bei Injektionen in besonders empfindliche Regionen kann die Behandlung unangenehm sein. Nach der Injektion kann sich ein vorübergehendes Taubheitsgefühl oder ein Wärme-, Druck- oder Spannungsgefühl entwickeln. Diese Erscheinungen sind in der Regel vorübergehend und hängen von der behandelten Region und der verwendeten Technik ab.
Welche Risiken bestehen?
Wie bei jeder Injektion bestehen allgemeine Risiken wie Schmerzen an der Einstichstelle, kleine Blutungen, Blutergüsse oder lokale Reizungen. Je nach Injektionsregion können weitere spezifische Risiken hinzukommen. Bei Lokalanästhetika sind insbesondere allergische Reaktionen und eine systemische Lokalanästhetika-Toxizität zu berücksichtigen. Bei versehentlicher intravasaler Gabe oder bei einer zu hohen systemischen Wirkstoffkonzentration können unter anderem neurologische oder kardiovaskuläre Symptome auftreten. Bei Injektionen in der Nähe von Nerven besteht außerdem ein spezifisches Risiko einer Nervenreizung oder -verletzung. Je nach Körperregion können weitere Komplikationen auftreten. Durch eine sorgfältige Indikationsstellung, Kenntnis der Anatomie, geeignete Injektionstechnik und – bei entsprechenden Regionen – Ultraschallkontrolle lassen sich die Risiken reduzieren.
Wann sollte keine Neuraltherapie durchgeführt werden?
Vor einer Behandlung müssen mögliche Gegenanzeigen berücksichtigt werden. Dazu gehören insbesondere relevante Allergien oder Unverträglichkeiten gegenüber dem vorgesehenen Lokalanästhetikum, bestimmte Gerinnungsstörungen beziehungsweise eine relevante Antikoagulation sowie lokale Infektionen im Bereich der geplanten Injektion. Bei bestimmten Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder bei besonderen neurologischen beziehungsweise systemischen Risiken kann eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich sein.
Was ist das Ziel der Behandlung?
Das Ziel der Neuraltherapie ist nicht lediglich eine kurzfristige Betäubung. Durch die gezielte Unterbrechung schmerzhafter Nervenimpulse soll eine therapeutische Reduktion der Beschwerden erreicht werden. In geeigneten Fällen kann die Behandlung außerdem helfen, eine schmerzverursachende oder schmerzunterhaltende Struktur besser zu identifizieren. Eine erfolgreiche diagnostische Infiltration kann dadurch Hinweise für die weitere Therapieplanung liefern. Die Dauer der Wirkung ist individuell unterschiedlich. Manche Patienten erleben eine kurzfristige, andere eine länger anhaltende Beschwerdelinderung. Eine dauerhafte Wirkung kann nicht garantiert werden.
Individuelle ärztliche Beurteilung
Vor einer Neuraltherapie steht eine ausführliche Anamnese und Untersuchung. Dabei werden die Schmerzlokalisation, der Schmerzcharakter, mögliche auslösende Faktoren, bisherige Untersuchungen und Therapien sowie relevante Begleiterkrankungen berücksichtigt. Anschließend wird geprüft, ob eine gezielte therapeutische Lokalanästhesie im individuellen Fall sinnvoll ist und welche anatomische Struktur behandelt werden sollte. Die Neuraltherapie ist dabei als ergänzendes therapeutisches Verfahren zu verstehen. Sie kann insbesondere bei ausgewählten Schmerzsyndromen eine sinnvolle Ergänzung eines individuellen Behandlungskonzeptes darstellen. Die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch je nach Indikation unterschiedlich und für die umfassende Störfeldtheorie begrenzt. Eine individuelle ärztliche Beratung ist daher Voraussetzung für die Entscheidung über eine Behandlung.
